Müdigkeit am Steuer ist eine oft unterschätzte Gefahr im Straßenverkehr. Im Jahr 2024 gab es 1.866 durch Übermüdung verursachte Straßenverkehrsunfälle mit Personenschaden. Die tatsächliche Zahl der Unfälle, die auf Müdigkeit zurückzuführen sind, liegt laut dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) deutlich höher. Der Grund: Übermüdung wird als Unfallursache häufig nicht eindeutig erkannt oder dokumentiert, weshalb die Statistiken das Problem nur unzureichend abbilden.
Laut einer Befragung des DVR gaben mehr als ein Viertel der Pkw-Fahrerinnen und -Fahrer an, schon einmal am Steuer eingeschlafen zu sein. Dieses plötzliche Einnicken, bekannt als Sekundenschlaf, ist besonders gefährlich: Bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h legt man bei nur drei Sekunden im Sekundenschlaf über 80 Meter im Blindflugzurück. Wenn die Fahrenden dabei die Kontrolle über ihr Fahrzeug verlieren, können sie nicht mehr rechtzeitig auf Gefahren reagieren.
Übermüdet Auto fahren: Das sind die Risikofaktoren
Wer unausgeruht und müde am Steuer sitzt, kann sich schlechter konzentrieren und auch schlechter auf Gefahren reagieren. Folgende Faktoren können dazu beitragen:
- Tageszeit: Bei vielen Menschen sinkt die biologische Leistungsfähigkeit in den frühen Morgenstunden sowie zwischen 14 und 16 Uhr nachmittags.
- Fahrtdauer: Lange und eintönige Fahrten ohne ausreichende Erholungspausen erhöhen das Risiko, am Steuer zu ermüden.
- Biorhythmus: Wenn Sie zu Zeiten unterwegs sind, in denen Sie normalerweise tief schlafen, ist die Gefahr für Ermüdung und Sekundenschlaf erhöht. Besonders bei Menschen, die Schichtarbeit leisten und dadurch oft verkürzte Ruhezeiten haben, besteht die Gefahr.
- Schlaf: Bei Menschen mit Schlafstörungen und Gewohnheiten, die zu schlechtem Schlaf führen können, steigt das Risiko für Tagesschläfrigkeit am Steuer. Für besseren Schlaf kann ein Verzicht auf schwere Mahlzeiten und blaues Licht durch Smartphone-, Tablet- und PC-Bildschirme kurz vor dem Schlafengehen förderlich sein.
- Jahreszeit: Auch die dunkle Jahreszeit ist ein Faktor. Die kürzeren Tage können zu einer erhöhten Melatonin-Ausschüttung führen, was Müdigkeit und Schläfrigkeit begünstigt.
Wie kündigt sich Sekundenschlaf an? Darauf sollten Sie achten.
Der Körper sendet deutliche Signale bei Müdigkeit. Dazu gehören:
- Aufmerksamkeit für das Verkehrsgeschehen ist eingeschränkt,
- Tunnelblick,
- brennende Augen,
- Frösteln,
- häufiges Gähnen und schwere Augenlider,
- häufiges Blinzeln oder Schwierigkeiten, die Augen offen zu halten,
- fehlende Erinnerung an die letzten gefahrenen Kilometer.
Medikamente können müde machen
Etwa 15 bis 20 Prozent der zugelassenen Arzneimittel – sowohl frei verkäufliche als auch verschreibungspflichtige – können laut Herstellerangaben die Fähigkeit zum Führen eines Fahrzeugs beeinträchtigen.
Lesen Sie vor Fahrtantritt stets die Packungsbeilage aufmerksam. Zudem sollten Sie mit einem Arzt oder einer Ärztin über Nebenwirkungen sprechen oder in der Apotheke nachfragen. Falls Sie unsicher sind, weichen Sie im Zweifel auf öffentliche Verkehrsmittel aus oder lassen Sie sich fahren.
Wenn Sie aufgrund der Einnahme von Arzneimitteln nicht fahrfähig sind, kann die Teilnahme am Straßenverkehr rechtliche Konsequenzen haben.
Mehr Informationen zu Substanzen, die fahruntüchtig machen, gibt es hier.
Auch Veränderungen im Fahrstil sind Alarmzeichen. Dazu gehören etwa:
- zu dichtes Auffahren,
- überhöhte Geschwindigkeit,
- Schlangenlinien fahren oder Schwierigkeiten, die Spur zu halten,
- unbeabsichtigtes Abkommen von der Fahrspur,
- Nervosität, Gereiztheit oder Aggressivität.
Was nicht gegen Müdigkeit hilft
Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke bieten keine akute Hilfe und verhindern den Sekundenschlaf nicht. Laute Musik, offene Fenster oder Kaugummi kauen helfen ebenfalls nicht nachhaltig gegen Müdigkeit.
Technik: Fahrerassistenzsysteme können dabei helfen, die Folgen von Sekundenschlaf zu verringern. Das seit dem 7. Juli 2024 für Neufahrzeuge verpflichtende DDAW-System (Driver Drowsiness and Attention Warning) analysiert Lenkmuster und Augenbewegung. Erkennt das System Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit, wird die fahrende Person aufgefordert, eine Pause einzulegen. Der Spurhalteassistent erkennt mithilfe von Kameras die Fahrbahnmarkierungen und lenkt leicht gegen, wenn das Fahrzeug unbeabsichtigt die Spur verlässt. Der Notbremsassistent erkennt Hindernisse oder vorausfahrende Fahrzeuge und kann bei Gefahr automatisch bremsen, wenn Fahrende nicht rechtzeitig reagieren. Jetzt wird es höchste Zeit Pausen einzulegen und sich auszuruhen. Denn: Die Verantwortung bleibt beim Menschen! Fahrende sind für ihre Fahrtüchtigkeit selbst verantwortlich.
Welche Strafen für Müdigkeitsunfälle drohen
Wer aufgrund von Müdigkeit nicht mehr in der Lage ist, ein Fahrzeug sicher zu führen, und einen Unfall verursacht, kann wegen Gefährdung im Straßenverkehr gemäß § 315c StGB belangt werden. Das kann eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren sowie den Entzug der Fahrerlaubnis zur Folge haben.
Was wirkt auf langen Fahrten gegen Ermüdung und Schläfrigkeit?
- Setzen Sie sich nur ausgeschlafen ans Steuer. Wer stark müde ist oder deutlich zu wenig geschlafen hat, sollte eine Fahrt möglichst verschieben.
- Bei langen Fahrten sollten Sie regelmäßige Pausen einlegen – idealerweise alle zwei bis drei Stunden.
- Wenn sich die ersten Anzeichen von Müdigkeit zeigen, sollten Sie umgehend eine Pause machen. Ein kurzer Schlaf, ein sogenannter „Powernap“ von 10 bis 20 Minuten, kann helfen, sich wieder besser konzentrieren zu können. Schlafen sie jedoch keinesfalls länger: Sie geraten sonst in tiefere Schlafphasen, was der kurzfristigen Erholung schadet.
- Verbringen Sie die Pause an der frischen Luft. Ein zügiger Spaziergang oder kleine Fitnessübungen aktivieren den Kreislauf und können vorübergehend die Wachheit steigern.
- Eine aufmerksame Begleitperson kann helfen, indem sie die Fahrerin oder den Fahrer beobachtet. Wechseln Sie sich bei Bedarf und nach Möglichkeit mit dem Fahren ab.

